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Peter, „Sportler - Aktiv im Alter“

Willkommen zu unserem Gespräch mit Peter Neumann, Mitbegründer unseres Vereins und seit 30 Jahren engagierter Vorstandsvorsitzender.

Als ehemaliger Volleyballspieler und Trainer hat er den Verein über all die Jahre begleitet und treibt noch heute aktiv Sport in unserer “Zipperlein-Gruppe” – einer Gruppe für Menschen, die schon die eine oder andere gesundheitliche Einschränkung haben.

Heute wollen wir mit ihm das Thema Alter aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, zum Beispiel die Frage: Warum fällt es manchen schwer, sich mit dem Älterwerden zu identifizieren? Wie gehen wir damit um? Was ändert sich im Sport-Erleben, wenn man älter wird?

Unsere bisherigen Interviews haben gezeigt, wie wertvoll persönliche Geschichten sind – sie helfen, Barrieren abzubauen und Inklusion zu fördern. Mit Peter sprachen wir darüber, was sich im Laufe der Jahre verändert hat, was gleich geblieben ist und wie Sport auch im Alter Teilhabe ermöglicht.

Es war ein inspirierendes Gespräch!

Pfeffersport:

Du machst seit 56 Jahren Sport. Was hat sich in dieser Zeit verändert? Wie haben sich auch die Bedürfnisse der Menschen gewandelt?

Peter:

Es ist spannend zu sehen, wie sich die Sportwelt verändert hat. Früher stand die Leistung im Vordergrund, heute geht es mehr und mehr um Inklusion und Wohlbefinden. Die Bedürfnisse sind vielfältiger geworden – auch ältere Menschen, Menschen mit Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkungen wollen gesellschaftlich aktiv sein. Das erfordert angepasste Angebote und ein Bewusstsein dafür, dass jeder unterschiedlich ist.

Pfeffersport:

Was hat sich im Laufe deines Sporttreibens verändert?

Peter:

Früher war auch bei mir der Wettkampfgedanke stärker ausgeprägt – Punkte, Tore, Siege – das war der Ansporn. Der Wunsch nach Wettkampf ist allerdings geringer geworden. Wir schauen zu Hause zwar noch die großen Sportwettkämpfe im Fernsehen, aber für mich persönlich spielen Siege keine Rolle mehr.

Heute machen wir Sportarten, die wir früher vielleicht belächelt haben. Aber das ist egal – ich bin froh, wenn ich noch verschiedene Bewegungen schaffe. Es kostet viel Mühe, den Körper fit zu halten. Verletzungen spielen auch eine große Rolle. Vom Judo- und Volleyball-Sport hatte ich einige Knieoperationen und habe jetzt eine Knieprothese. Das letzte Mal nach einem Volleyballspiel in Kuba am Strand konnte ich drei Tage kaum noch laufen. Man merkt jetzt sehr schnell, wo die Grenzen sind.

Diese körperlichen Veränderungen ändern auch die Sicht auf Sport. Man passt die sportlichen Aktivitäten an, findet neue Freude an anderen Bewegungen und macht weniger Sportartspezifisches. Es geht vor allem darum, fit zu bleiben und Spaß zu haben – auch wenn sich die Art des Sports wandelt. Manchmal klappt das gut, manchmal weniger. Im Kern geht es um Aktivität und darum, den Alltag leichter zu gestalten. Körperliche Veränderungen oder Einschränkungen machen einen sensibler dafür, wie wichtig es ist, fit zu bleiben.

Pfeffersport:

Wie stark spielt das Soziale in der Gruppe eine Rolle?

Peter:

Das Soziale spielt eine große Rolle. Die Gruppe, die sich bei uns gefunden hat, freut sich richtig aufeinander. Ob das jetzt nur bei uns so ist oder ein allgemeiner Trend – das kann ich nicht genau sagen.

Es kommt schnell dazu, dass man sich gegenseitig zu Geburtstagen einlädt – obwohl man im Alter ja sonst nicht so schnell neue Freunde findet oder gemeinsame Freizeitaktivitäten organisiert. Es bildet sich ein Feld, in dem neue Freundschaften entstehen. Besonders im Alter wird deutlich, wie wichtig soziale Kontakte sind. Der Sport ist nicht nur körperliche Bewegung, sondern auch ein Ort des Austauschs und der Gemeinschaft. Durch gemeinsames Tun und ungezwungenen Austausch sind wir wieder beteiligt.

Früher hatten wir viel Austausch am Arbeitsplatz. Im Rentenalter sind viele nur in kleineren Freundeskreisen oder sozialen Gruppen aktiv. Das führt meiner Meinung nach dazu, dass Diskussionen weniger vielfältig und weniger interessant sind. Im Sport ist das Spektrum wieder breiter. Mir zum Beispiel ist es wichtig, dass Menschen aus verschiedenen politischen oder gesellschaftlichen Hintergründen ins Gespräch kommen – um Argumentationsfähigkeit und Toleranz zu fördern. Es ist ja normal, dass Ansichten auseinandergehen und es ist in Ordnung, solange respektvoller Umgang und eine hohe Akzeptanz bestehen. Das Schöne daran ist, dass man dadurch weitere unterschiedliche Sichtweisen kennenlernt und manchmal auch neue Perspektiven einnehmen kann.

Ich finde es entscheidend, Räume zu schaffen, in denen Vielfalt gelebt wird und jeder sich einbringen kann.

Pfeffersport:

Und wie entsteht dieses Gemeinschaftsgefühl? Liegt das in der Sportstunde selbst oder entwickelt es sich außerhalb?

Peter:

Das entsteht vor allem dadurch, dass wir schon eine Viertelstunde vorher zusammenkommen und quatschen, bevor wir überhaupt mit dem Training anfangen. Beim Umziehen geht’s weiter – da haben alle Geschichten zu erzählen. Die Leute haben alle ein Leben hinter sich: viele unterschiedliche Berufe. Jeder hat etwas zu erzählen, und man kann sich gut in die Geschichten der anderen hineinversetzen.

Das gemeinsame Reden schafft eine Verbindung. Man merkt schnell, wer offen für Gespräche ist und wer nicht. Durch diese lockere Atmosphäre im Sport entsteht eine Gemeinschaft, die über das reine Training hinausgeht. Während des Sports machen wir oft einen Kreis, schauen uns an, tauschen Partner*innen aus und haben Kontakt zueinander. Man diskutiert auch mal über Musik oder andere Themen – egal ob jemand die Musik zu laut oder zu leise findet –, Hauptsache, es passt insgesamt.

Pfeffersport:

Wie sieht es beim Sport und Bewegung für ältere Menschen aus? Welche Barrieren gibt es, was können wir tun, um Barrieren abzubauen?

Peter:

Ein großes Thema ist die Erreichbarkeit. Viele ältere Leute nutzen das Internet kaum oder wissen nicht, wie es funktioniert. Für ältere oder weniger technikaffine Menschen reicht reine Online-Werbung nicht aus. Man muss andere Wege finden, zum Beispiel Radio oder andere lokale Medien.

Auch die Hygiene in den Sportstätten ist problematisch. Manche Orte sind ziemlich schmuddelig, was für alle unangenehm ist. Oft wirken die Schulsportanlagen vernachlässigt.

Ich denke aber auch: Viele haben Hemmungen oder Trägheit. Der Anfang ist schwer, man fühlt sich manchmal nicht schön genug oder hat Scham. Aber in der Gruppe geht es darum, einfach mitzumachen – egal wie man aussieht oder was man denkt. Es ist kein Schönheitswettbewerb, sondern gemeinsames Tun.

Ein weiteres Problem ist Unsicherheit: Neue Leute kommen herein und wissen nicht, was sie erwartet. Deshalb sind Probetrainings wichtig. Ich finde, man sollte großzügig sein und zwei bis vier Mal zum Schnuppern einladen. So können sich die Leute in Ruhe entscheiden, ob sie sich wohlfühlen. Unsere Gruppe ist freundlich – einfach mal reinkommen und gucken.

Pfeffersport:

„Sport im Alter“, „Seniorensport“ oder „Rentnersport“? Welche Formulierung findest du passend?

Peter:

Das ist eine interessante Frage. Wenn ich in die Straßenbahn einsteige, dann merke ich, dass man jetzt für mich aufsteht. Das passiert so fließend, dass man es kaum mitbekommt. Ich bedanke mich, finde es aber auch komisch, weil ich bis vor Kurzem noch für Andere aufgestanden bin.

Über den Begriff „Senioren“ diskutieren wir öfters in unserer „Zipperlein“-Gruppe. Für mich passt das nicht so gut. Vielleicht ist das so beim Älterwerden: Die äußere Veränderung des Körpers steht im Gegensatz zum innerlichen Gefühl. Man fühlt sich oft noch jung, obwohl der Körper anders reagiert. Das kann zu Disharmonien führen – Leute fühlen sich nicht abgeholt oder verstanden, weil sich vieles verändert, während sie innerlich die Veränderung wenig wahrnehmen.

Es ist auch eine Debatte über sensible Sprache: Früher hieß es „der Behinderte“, heute „Menschen mit Behinderung“. Solche Begriffe sollten respektvoll sein und niemanden ausschließen. Ich dachte früher bei „Senioren“ an die Siebzig- bis Achzigjährigen und jetzt bin selbst 70 Jahre alt… Wenn ich „Senioren“ sage, habe ich nicht das Gefühl, dazuzugehören. Natürlich bin ich nach dem Status ein Senior oder mache Rehasport – daran muss ich mich wohl erst noch gewöhnen…

Pfeffersport:

Du engagierst dich als Botschafter bei „Mission Inklusion“. Warum?

Peter:

Weil das Thema für mich super spannend und wichtig ist. Anfang der 90er-Jahre war ich Koordinator für Gemeinwesenarbeit. Damals war die Stadt voll mit besetzten Häusern, Straßenkindern und Jugendlichen, die ziemlich wild lebten – also alles andere als „normal“ waren. Und ich als sportbegeisterter Mensch dachte mir: Warum nicht versuchen, diese jungen Leute in die Turnhalle zu holen? Vielleicht etwas mehr Sport treiben und etwas weniger kiffen…

Leider haben wir keinen Sportverein gefunden, der „unsere“ Jugendlichen haben wollte.

Da haben wir damals unseren kleinen Sportverein, den wir nach dem Mauerfall gegründet hatten, quasi „umgebaut“, um zusätzliche Hallenzeiten für unsere kleinen Punkies und Kiffer zu bekommen.

Natürlich gab’s da auch viel Ärger: Die Leute mussten ihre komischen Schuhe ausziehen und durften im Mattenraum nicht rauchen – alles Dinge, die man in so einer Situation klären muss. Aber ich war froh, dass sie überhaupt kamen und sich anfangs mit Streetball und später mit Basketball beschäftigten – auch wenn’s manchmal chaotisch lief.

Für mich zeigte das deutlich: Es gibt einen riesigen Bedarf an solchen Angeboten für Jugendliche aus komplizierten Verhältnissen. Und das Ganze hat auch Spaß gemacht – nach anfänglichen Auseinandersetzungen konnten wir uns auf Regeln und Fairness verständigen und über die entstandenen Situationen lachen.

Da es kaum Sport- und Bewegungsmöglichkeiten für junge Menschen gab, die keine Leistungssportler*innen werden wollten, ist Pfeffersport in den vergangenen Jahren extrem schnell gewachsen.

Als 2014 viele Menschen in unser freies und demokratisches Land geflüchtet sind und die Sporthallen bewohnten, haben wir auch nicht gejammert, sondern begonnen, mit diesen Menschen in ihrer Not Sport zu treiben – irgendetwas geht immer und Sport kann trotz verschiedenster Hindernisse immer wieder Brücken bauen.

Deshalb freue ich mich, bei „Mission Inklusion“ dabei zu sein – weil es immer darum geht, Barrieren abzubauen und alle Menschen zusammenzubringen.

Pfeffersport:

Berühmte letzte Worte?

Peter:

In unserer polarisierten Welt ist es dringend erforderlich, dass wir Räume schaffen, in denen Menschen aus verschiedenen Denkblasen zusammenkommen und im respektvollen Umgang miteinander ihre Ansichten austauschen und akzeptieren lernen. Sportgruppen, egal ob jung oder alt, die auf der Basis von Offenheit und Fairness zusammenkommen, sind ein sehr wichtiger Ort, um die Zivilgesellschaft zu stärken.