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Elli , „Ansprechpartnerin für Inklusion“

Elli Franke, Mitarbeiterin im Team Bewegung Integrale, sowie Ansprechpartnerin für Inklusion

Inklusion bei Pfeffersport: Eine gelebte Haltung

Elli Franke ist Mitarbeiterin bei Pfeffersport und Mitdenkerin im Team „Bewegung Integrale“. Mit ihrer Expertise als gelernte Ergotherapeutin, ihrer Erfahrung als Assistenz für Menschen mit Assistenzbedarf und ihrer Tätigkeit als Referentin für „Mission Inklusion“ bringt sie nicht nur umfangreiches Fachwissen mit, sondern auch eine tiefe Leidenschaft für inklusiven Sport. 
Als Inklusionsbegleiterin unterstützt sie seit vielen Jahren Menschen dabei, den Einstieg in den Verein zu finden. Seit 2008 ist sie als Übungsleiterin aktiv und arbeitet seit 2013 fest bei Pfeffersport.

Seit 2020 organisiert sie zudem den bundesweiten Wheel Soccer Cup und engagiert sich in den Bereichen Kitasport, Breitensport sowie als Mentorin für Übungsleiter*innen. Elli hat also vielfältig Einblick in das Vereinsleben.

Herzlich willkommen zu unserem Gespräch!

Pfeffersport:

Du bist “Inklusionsbegleiterin” bei Pfeffersport und übernimmst damit eine wichtige Aufgabe bei der Umsetzung von Inklusion. Wie kann man sich deine Aufgabe vorstellen und warum braucht es diese Begleitung?

Elli:

Ich darf die Schnittstelle zwischen allen Beteiligten sein und dabei helfen, dass Inklusion gelingt. Ich begleite diejenigen, die eine Sportgruppe suchen und auch unsere Übungsleiter*innen, die Sportgruppen anleiten. Erst im Gespräch erfahre ich, was die Menschen brauchen und was ihnen Freude macht. Das gleiche ich mit dem Hintergrundwissen ab, welche Angebote freie Plätze haben, wie die Dynamik wo ist usw… So kann ich möglichst passgenau sagen, wo ein Ankommen am wahrscheinlichsten gelingt. Anschließend spreche ich mit unseren Übungsleiter*innen, ohne die all das sowieso undenkbar wäre. Berate sie im Vorfeld und auch im Alltag, wenn es Gesprächsbedarf gibt. Wir versuchen mit Aufmerksamkeit, Sensibilität und Mut, vermeintliche Hürden zu überwinden.

Eine feste Ansprechperson hilft enorm dabei, Barrieren abzubauen, sowohl in den Köpfen als auch in unseren Angeboten, und eine echte Willkommenskultur zu schaffen.

Pfeffersport:

Du bist schon lange bei Pfeffersport dabei und hast die Entwicklung mitgemacht und begleitet. Kannst du ein Beispiel geben, wo deiner Meinung nach die Umsetzung von Inklusion bei Pfeffersport gut gelungen ist oder gut gelingt? 

Elli:

Absolut! Die Breitensportangebote unserer Abteilung "Bewegung Integrale" sind dafür ein gutes Beispiel. Sie funktionieren, weil sie bewusst wenig starre Vorgaben haben und man ganz viel anpassen kann. Das erlaubt uns, die Inhalte flexibel zu gestalten und auf die Kinder einzugehen, ganz ohne Leistungsdruck. Wir wechseln bewusst zwischen angeleitetem Spiel und freiem Spiel, was Kindern Raum gibt, sich selbst Ziele zu setzen, sich zurückzuziehen und wieder einzusteigen, wenn sie es brauchen. Das ist besonders wichtig für Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten oder emotionalen Herausforderungen, weil sie in diesen Phasen wieder “atmen” können, und es senkt die Hemmschwelle zur Teilnahme. 

Ganz entscheidend sind unsere Übungsleiter*innen, die offen sind und sich mit Leidenschaft auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einstellen. Die Freiwilligkeit ist ebenfalls wichtig: Niemand muss bei uns mitspielen. Entscheidend aber ist ein sozial respektvolles Miteinander. 

Wir verstehen Inklusion als einen weiten Begriff. Unser Ziel ist es, alle im Sport unterrepräsentierten Gruppen aktiv zu werben. Und gezielt Angebote zu schaffen. Das kann zum einen gelingen, indem wir unsere Angebote öffnen und zum Beispiel mit Gemeinschaftsunterkünften kooperieren. So werden Menschen mit Fluchterfahrung zu unseren Angeboten begleitet und in den Sportbetrieb einbezogen. 

Manche Gruppen brauchen aber auch Schutzräume, um am Sport teilhaben zu können. Um hier mal 2 Beispiele zu nennen: Für Mädchen ab 8 Jahren haben wir unter anderem unser Angebot “die Girls” gegründet, in der Mädchen unter sich sportlich aktiv sein können und sich wohlfühlen, ausschließlich mit weiblicher Anleitung, die Sicherheit und Identifikationsmöglichkeiten bieten. Der Zusammenhalt ist so groß, dass die Teilnehmerinnen teilweise seit 6 Jahren dort sind und inzwischen mitten in der Pubertät. Manche ehemalige Teilnehmerin macht als Übungsleiterin direkt bei uns weiter und ist wiederum Vorbild für neue Generationen. 

Es gibt auch unsere Gruppe "Die Wilden 8” für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf, deren Bedürfnissen wir in regulären Gruppen nicht gerecht werden können. Aber auch in unseren sportartspezifischen Abteilungen gibt es Erfolge: Unsere inklusiven Gruppen im Fußball und Handball sind voll. Es ist gerade eine neue inklusive Basketballgruppe entstanden und dabei sich zu entwickeln. 

Unsere Übungsleiter*innen sind eigentlich der Schlüssel zum Erfolg, denn sie trauen sich etwas und schaffen bewusst Räume für mehr Vielfalt.

Pfeffersport:

Du hast gerade von "Girls" und von Menschen mit Fluchtgeschichte gesprochen. Inklusion ist für dich mehr als der Sport von Menschen mit und ohne Behinderung? 

Elli:

Mir ist ein breites Verständnis von Inklusion enorm wichtig, weil unsere Angebote immens davon profitieren, wenn die Teilnehmer*innen möglichst unterschiedlich sind – in vielerlei Hinsicht. Alle profitieren davon, denn sie lernen direkt, dass Menschen unterschiedlich sind und dass das völlig in Ordnung ist. Begegnungen in diesem unbelasteten Raum des Sports bauen Stereotypen und Berührungsängste ab, die sonst entstehen, wenn man keinen Kontakt zueinander hat. Wenn ein Kind zum Beispiel früh positive Erfahrungen mit einem Kind mit Behinderung macht, lernt es durch das Vorbild der Erwachsenen den richtigen Umgang und baut selbst Berührungsängste ab. 

Umgekehrt kann sich ein Kind, das sich sonst eher als "schwächer" wahrnimmt, in einer inklusiven Gruppe als "stärker" erfahren, indem es anderen hilft und unterstützt. Da ich auch selber seit vielen Jahren diverse Kindergruppen leite, habe ich ganz konkrete Gesichter und Geschichten im Kopf von Menschen, für die unsere Angebote einen großen Unterschied gemacht haben. Die spielerische Natur des Sports bietet zudem unzählige Möglichkeiten, natürlich in Kontakt zu kommen. Ob man gemeinsam ein Ziel verfolgt, einander fängt, befreit oder zusammen eine Höhle baut – es sind freudvolle Aktivitäten, die über das gemeinsame Tun Verbindungen schaffen und Teil einer Gemeinschaft werden lassen. Das alles macht das Leben lebenswert und ermöglicht es Menschen, sich zu entwickeln und über sich hinauszuwachsen. 

Die Kinder kommen nicht, weil sie müssen, sondern weil sie dürfen. Sie kommen mit einer positiven Erwartungshaltung: "Hey, hier bin ich gerne, hier fühle ich mich wohl, hier werde ich angenommen und als Individuum wahrgenommen." 

Pfeffersport:

Du bist Botschafterin bei der Kampagne "Mission Inklusion" und engagierst dich im Verein für das Thema Inklusion. Im Rahmen der Kampagnen wollen wir stärker herausarbeiten, dass Pfeffersport einen breiten Begriff von Inklusion hat, so wie du ihn beschrieben hast. Uns geht es bei Inklusion um Teilhabe und darum, dass sich jede*r willkommen fühlen soll. Neben der Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen, welche Vielfaltsdimension(*) ist dir persönlich noch wichtig? 

Elli:

Wenn du so fragst, dann würde ich sagen, dass mir insbesondere Kinder mit Förderbedarf im Bereich Verhalten am Herzen liegen. Oft machen sie in unserer Gesellschaft Ausschluss-Erfahrungen, weil es anstrengend ist, mit ihnen zu arbeiten. Vor allem aber, weil es Beziehungsarbeit braucht. Da wir oft zu zweit oder sogar zu dritt in den Angeboten sind, haben wir die Möglichkeit, diese individuelle Zuwendung zu bieten. Mit dem Medium Sport, der Freiwilligkeit und einer respektvollen, positiven Haltung hat man eine tolle Grundlage, um auch an Themen zu arbeiten, die schwerfallen. 

Auch das Thema Mädchenförderung finde ich sehr wichtig. Wir schaffen wie oben erwähnt Schutzräume wie die "Girls"-Gruppe, andererseits achten wir auf eine bewusste Durchmischung der Gruppen, um eine möglichst gleichmäßige Verteilung von Mädchen und Jungen zu erreichen. Dabei legen wir großen Wert auf eine respektvolle und unterstützende soziale Dynamik, die von unseren Übungsleiter*innen aktiv gefördert wird. Es geht darum, eine Willkommenskultur zu schaffen, in der Kinder und Eltern ihre Bedürfnisse äußern können, ohne in Schubladen gesteckt zu werden. Auch in unseren Erwachsenen-Fitnessgruppen zeigt sich ein positiver Trend zur Öffnung, weil wir dort ganz bewusst den Fokus auf individuelle Belastungssteuerung legen und dazu anhalten, sich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern auf den eigenen Körper zu hören. Das ist ebenfalls ein inklusiver Ansatz. 

Pfeffersport:

Die Nachfrage nach inklusivem Sport wächst. Wie siehst du Pfeffersport im Vergleich zu anderen Vereinen in diesem Bereich? Sind wir ein Verein von vielen – oder eher allein unterwegs?

Elli:

Es gibt eindeutig zu wenige Angebote. Die Anfragen nach inklusiven Sportgruppen kommen aus der ganzen Stadt, und ich weiß oft nicht, wohin ich die Leute sonst schicken soll. Ich freue mich immer über positive Vorschläge und Erfahrungen von Eltern oder Flyer die mich über das “Netzwerk für Inklusion und Sport Berlin” erreichen. Damit ich diese Informationen dann weitergeben kann. Im Zweifel vermittle ich aber oft an Tim Tschauder, den Inklusionsmanager beim Landessportbund, der entscheidend ist für das Vorankommen von Inklusion im Sport. 

Es melden sich immer mehr Familien mit Kindern mit Autismus. Wenn man Autismus hört, weiß man erstmal noch gar nichts über den Menschen, genau wie bei Trisomie, ADHS oder anderen Krankheitsbildern.

Was suchen & brauchen sie? Was macht ihnen Freude? Nur im Gespräch oder Kennenlernen erfährt man das wirklich!

Bei Autismus sind Lautstärke, viele Wechsel und Durcheinander oft ein Problem. Nicht immer. Aber oft. Daher haben wir mithilfe engagierter Eltern und in Kooperation mit anderen Institutionen auch dafür Sondergruppen entwickelt und eröffnet. Entscheidend ist die Bereitschaft, Menschen kennenzulernen und verstehen zu wollen. Das gepaart mit Lust Neues auszuprobieren und Fehler nicht als Scheitern, sondern als Versuch zu verstehen sind meiner Erfahrung nach Gelingensfaktoren.

Pfeffersport:

Du bist Botschafterin der Kampagne “Mission Inklusion” und möchtest den Verein noch inklusiver machen. Was ist der nächste wichtige Schritt? 

Elli:

Der nächste Schritt ist, unsere sportartspezifischen Sektionen genauer zu analysieren: Was passiert im Training? Wer leitet es? Und wie können wir Gruppen noch offener machen? Um echte Inklusion zu ermöglichen, brauchen wir Visionen und Erfahrungen. 

Es geht um einen differenzierten Leistungsgedanken: Wir sollten passende Herausforderungen setzen und Spiele mit Ausschlussmechanismen vermeiden, damit alle mitmachen können. Dabei müssen nicht alle Gruppen für jeden offen sein. Leistung und Inklusion sind kein Widerspruch, wenn wir individuell fördern.

 (*) Vielfaltsdimensionen sind Merkmale, die Menschen in ihrer Einzigartigkeit und Vielfalt beschreiben und untersuchen, wie sich Menschen in Bezug auf verschiedene Eigenschaften und Lebensbereiche unterscheiden. Diese Dimensionen helfen, Diskriminierung zu erkennen und zu vermeiden, und können dazu beitragen, ein inklusiveres Umfeld zu schaffen. Dazu gehören Alter, ethnische Herkunft und Nationalität, Geschlecht und geschlechtliche Identität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und soziale Herkunft.